Hallo zusammen, mein Name ist Peter Bentley. Ich bin Global Head of Fixed Income bei Insight Investment, einem Unternehmen der BNY Group.
Heute möchte ich über Chancen im Fixed-Income-Bereich sprechen, aber auch einige der häufigsten Missverständnisse aufgreifen, die Anleger häufig davon abhalten, das Potenzial festverzinslicher Anlagen vollständig zu erkennen.
Mehr als nur laufende Erträge
Viele Anleger verbinden Fixed Income in erster Linie mit regelmäßigen Zinserträgen. Das ist durchaus richtig, denn festverzinsliche Anlagen können einen verlässlichen Einkommensstrom liefern.
Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass Anleihen je nach Ausgestaltung viele weitere Funktionen erfüllen können. Sie können beispielsweise:
- laufende Erträge generieren
- Kapitalwachstum unterstützen
- Stabilität und Planbarkeit von Zahlungsströmen schaffen
- zur Diversifikation eines Portfolios beitragen
- Risiken reduzieren
- bestimmte Anlageziele gezielt absichern
Welche dieser Eigenschaften im Vordergrund stehen, hängt davon ab, wie ein Portfolio strukturiert wird.
Missverständnis Nr. 1: Volatilität ist schlecht für Anleihen
Oft hören wir, dass Volatilität grundsätzlich negativ sei.
Im Fixed-Income-Bereich stimmt das nicht unbedingt.
Höhere Volatilität schafft häufig Marktineffizienzen und Fehlbewertungen. Genau daraus ergeben sich Chancen für aktive Manager.
Dabei geht es nicht zwangsläufig um Krisen oder starke Marktrückgänge. Entscheidend ist vielmehr, dass durch Marktbewegungen Bewertungsunterschiede entstehen, die aktiv genutzt werden können.
Unsere Erfahrung zeigt, dass aktive Anleihenstrategien häufig besonders dann Mehrwert schaffen können, wenn die Marktvolatilität steigt. Das gilt sowohl für Kreditmärkte als auch für Zinsmärkte.
Chancen im Zinsumfeld
Aktuell sehen wir beispielsweise erhebliche Unterschiede bei den Zinserwartungen verschiedener Zentralbanken.
Die Märkte bewerten künftige Zinssenkungen und Zinserhöhungen in den USA, Europa, Großbritannien, Japan oder Australien sehr unterschiedlich.
Genau diese Unterschiede können attraktive Relative-Value-Chancen schaffen.
Darüber hinaus ergeben sich entlang der Zinsstrukturkurve immer wieder Fehlbewertungen zwischen kurzen, mittleren und langen Laufzeiten. Für aktive Manager entstehen dadurch zusätzliche Möglichkeiten, attraktive Renditen zu erzielen.
Missverständnis Nr. 2: Es kommt nur auf den Einstiegszeitpunkt an
Eine weitere häufige Annahme lautet, dass der Erfolg von Anleiheninvestments hauptsächlich vom richtigen Timing abhängt.
Unsere Erfahrung spricht dagegen.
Zunächst hängt die Attraktivität einer Anlage immer davon ab, wovon aus umgeschichtet wird:
- Kommt das Kapital aus Geldmarktanlagen?
- Wird es aus Aktien umgeschichtet?
- Stammt es aus Staatsanleihen?
Je nach Ausgangspunkt kann die gleiche Anlage völlig unterschiedlich bewertet werden.
Zudem zeigen historische Daten immer wieder, dass die Märkte zukünftige Zinspfade nur sehr ungenau vorhersagen.
Deshalb halten wir es für deutlich sinnvoller, die aktuellen Renditen und Risiken zu analysieren, anstatt auf kurzfristige Marktprognosen zu setzen.
Ein wichtiger Bestandteil unserer Analyse ist die sogenannte Break-even-Betrachtung:
Wie stark müssten Renditen steigen, bevor eine Anlage negative Gesamterträge erzielt?
Gerade im aktuellen Umfeld zeigen viele Segmente des Rentenmarktes weiterhin attraktive Risikopuffer.
Missverständnis Nr. 3: Tracker-Fonds sind die beste Lösung
Ein weiteres häufiges Argument lautet:
„Wenn ich kostengünstig investieren möchte, warum kaufe ich nicht einfach einen Indexfonds?“
Im Aktienmarkt kann dieses Argument nachvollziehbar sein.
Im Anleihemarkt ist die Situation jedoch deutlich komplexer.
Das Problem von Anleiheindizes
Anleiheindizes funktionieren grundlegend anders als Aktienindizes.
Je mehr Schulden ein Unternehmen oder Staat aufnimmt, desto höher wird sein Gewicht im Index.
Das bedeutet:
Wer einen Anleiheindex passiv nachbildet, investiert automatisch stärker in die am höchsten verschuldeten Emittenten.
Darüber hinaus sind passive Strategien häufig gezwungen, herabgestufte Anleihen genau dann zu verkaufen, wenn die Marktpreise bereits gefallen sind.
Das führt oft zu ungünstigem Marktverhalten.
Alternativen zu traditionellen Tracker-Lösungen
Für Anleger, die geringere Kosten und geringeres Managerrisiko wünschen, sehen wir zwei interessante Alternativen:
Buy-and-Maintain
Besonders geeignet für Investment-Grade-Unternehmensanleihen.
Hier werden Emittenten gezielt ausgewählt und langfristig gehalten.
Vorteile:
- geringere Handelskosten
- weniger Zwangsverkäufe
- höhere Portfoliostabilität
Systematische Strategien
Besonders interessant im High-Yield-Segment.
Diese Strategien:
- investieren sehr breit diversifiziert
- nutzen quantitative Faktoren
- reduzieren Handelskosten
- vermeiden Konzentrationsrisiken
Historisch konnten solche Ansätze häufig Ergebnisse erzielen, die mit den besten aktiven Managern vergleichbar sind, jedoch mit geringerem Risiko und geringeren Kosten.
Private Credit: Weder Wundermittel noch Katastrophe
Auch Private Credit wird häufig missverstanden.
Manche Anleger erwarten:
- außergewöhnlich hohe Renditen
- niedrige Volatilität
Andere wiederum sehen darin ein enormes Risiko.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen.
Wichtige Fragen sind:
- Welche Illiquiditätsprämie erhalte ich tatsächlich?
- Ist diese Prämie angemessen für das eingegangene Risiko?
Die Illiquiditätsprämie privater Kredite ist in den letzten Jahren deutlich gesunken.
Dennoch können Private Markets weiterhin interessante Chancen bieten, insbesondere in Kombination mit liquiden öffentlichen Anleihen.
Entscheidend bleibt jedoch eine sorgfältige Auswahl der Manager und der zugrunde liegenden Kreditnehmer.
Multi-Sector Credit erfordert aktive Steuerung
Ein weiteres Missverständnis ist die Annahme, Multi-Asset- oder Multi-Sector-Rentenstrategien könnten dauerhaft mit statischen Allokationen erfolgreich sein.
Tatsächlich wechseln die Gewinner und Verlierer innerhalb der verschiedenen Rentensegmente von Jahr zu Jahr erheblich.
Erfolgreiche Multi-Sector-Strategien benötigen deshalb einen dynamischen Ansatz:
- Flexible Allokationen
- Nutzung von Marktverwerfungen
- Anpassung an Konjunktur- und Marktzyklen
Nur so lassen sich die attraktiven Chancen verschiedener Segmente optimal nutzen.
Bereiche, die wir aktuell interessant finden
Im heutigen Marktumfeld sehen wir insbesondere vier attraktive Bereiche:
1. Kurzlaufende Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen
Die Renditekurven sind aktuell relativ flach.
Das bedeutet:
Anleger erhalten oft nur wenig zusätzliche Rendite für deutlich längere Laufzeiten.
Kurzlaufende Strategien bieten daher aus unserer Sicht derzeit attraktive risikobereinigte Chancen.
2. Asset-Backed Securities (ABS)
ABS bieten oftmals höhere Spreads als vergleichbar bewertete Unternehmensanleihen.
Zusätzlich verfügen sie über echte Sicherheiten hinter den Anleihen.
Besonders interessant sind derzeit Bereiche wie:
- Datenzentren
- Infrastruktur für künstliche Intelligenz
- ausgewählte Unternehmenskredite
- hochwertige Konsumentenkredite
3. Absolute-Return-Strategien
Diese Strategien:
- können Long- und Short-Positionen eingehen
- sind weniger abhängig von allgemeinen Marktbewegungen
- profitieren von Marktineffizienzen
Gerade im aktuellen Umfeld erscheinen sie relativ attraktiv.
4. Dynamische Multi-Sector-Credit-Strategien
Für Anleger, die laufende Erträge mit aktivem Management kombinieren möchten, bieten flexible Multi-Sector-Ansätze interessante Möglichkeiten.
Fazit
Festverzinsliche Anlagen können heute deutlich mehr leisten als reine Einkommenserzielung.
Je nach Struktur können sie:
- attraktive Gesamterträge liefern,
- Diversifikation verbessern,
- Risiken reduzieren,
- stabile Cashflows erzeugen,
- Marktineffizienzen ausnutzen.
Insbesondere in einem Umfeld ohne ausgeprägte Anleihenrally bieten aus unserer Sicht folgende Bereiche attraktive Chancen:
- Kurzlaufende Investment-Grade-Anleihen
- Kurzlaufende High-Yield-Anleihen
- Asset-Backed Securities
- Absolute-Return-Strategien
- Dynamische Multi-Sector-Credit-Lösungen
- Systematische Fixed-Income-Ansätze
- Buy-and-Maintain-Strategien
Vielen Dank fürs Lesen. Wir hoffen, dieser Überblick hilft dabei, einige der häufigsten Missverständnisse über Fixed Income auszuräumen und die vielfältigen Möglichkeiten dieser Anlageklasse besser zu verstehen.